underdog: Ein Projekt von

Underdog - Reportage

Hunde-Leben

Obdachlose und ihre Tiere. Geschichten über die größte Freundschaft unter schwierigsten Bedingungen, aufgezeichnet von Gymnasiastin Rebekka Schalley

Aber verfressen ist sie, meine Prinzessin

Meine Bagira hab ich von einem Freund bekommen. Eigentlich wollte ich erst keinen Hund mehr haben, weil ich den letzten verloren hab, als ich in den Knast musste. Ich hab Bagira damals einem Bekannten gegeben, damit er auf sie aufpasst, und als ich dann wiederkam, hieß es, der sei irgendwo in Nürnberg oder so. So was passiert leider schnell auf der Straße. Auf den Namen Bagira bin ich wegen des Panthers aus dem Dschungelbuch gekommen, da sie als Welpe ganz schwarz war. Der Grund, warum ich mich entschieden hab, wieder einen Hund aufzunehmen, war die Motivation, die er einem gibt. Na ja, wenn du einen hast, um den du dich kümmern musst, mit dem du morgens raus musst, dann kannst du halt nicht einfach liegen bleiben. Der Hund braucht dich und du bist für ihn verantwortlich. Das muss einem klar sein. Zuhause haben ich und meine Freundin auch noch vier Katzen: Maya, Asra, Satana und Bianca. Die sind viel eigensinniger als Bagira. Seit ich 16 war, hab ich auf der Straße gelebt. Das war hart. Hab eine Menge Drogen genommen. Auch wenn ich jetzt eine Wohnung habe und im Methadon-Programm bin, auf der Straße bin ich immer noch. Kann halt wegen der Sucht noch nicht arbeiten. Die fiftyfifty verkauf ich schon von Anfang an. Mit dem Hund gibt das nie Probleme. Die meisten Passanten mögen Bagira und kaufen mir Futter für sie, ist ja auch eine ganz Liebe. Bagira verträgt sich mit jedem anderen Hund, und mit fremden Leuten kommt sie eigentlich auch immer klar. Außer mit manchen Frauen, da kann sie manche irgendwie nicht leiden, warum, weiß ich nicht, aber man kann sie ja auch nicht dazu zwingen. Aber mit meiner Freundin kommt Bagira klar, von der bekommt sie ja auch Futter. Ich bin froh, dass ich mich nicht zwischen meiner Freundin und Bagira entscheiden muss, das könnt ich gar nicht. Aggressiv ist Bagira auf keinen Fall, die läuft eher weg, bevor die sich mit einem anderen Hund kebbelt, oder auf irgendjemanden losgeht. Das ist auch richtig so. Aber verfressen ist meine Prinzessin, weiß gar nicht, wie die soviel runterkriegen kann, aber satt wird sie immer.

Carlo, 30 Jahre

 

Manchmal glaub ich, dass der Hund mich ausgesucht hat

Meine Daisy ist quasi schon von Anfang an mit dabei. Hab sie damals vorm Carsch-Haus gefunden, das war im Winter. Irgendjemand hatte sie da angebunden. Tat mir einfach leid. Ich kann nicht verstehen, wie man so was machen kann. Hab sie dann losgebunden und mitgenommen, wollte, denk ich, irgendwie zeigen, dass es noch anständige Menschen auf der Welt gibt. Jetzt ist sie bei mir und wir kümmern uns gut um einander. Manchmal glaub ich, dass sie mich ausgesucht hat. Von dem Tierarzt bei „axept“ (= Beratungsstelle für Obdachlose) hab ich dann erfahren, dass Daisy erst ein Jahre alt war, jetzt ist sie 15, aber noch topfit. Die meiste Zeit hat sie mit mir auf der Straße verbracht, aber schlecht gegangen ist es ihr nie. Hab seit kurzem ein Zimmer mit meiner Freundin und unserem fünf Monate alten Kind. Jetzt steht mein Kind natürlich an erster Stelle, aber meine Daisy ist mir natürlich immer noch total wichtig, wir gehören halt zusammen. Als ich noch auf der Straße gepennt hab, hat die immer auf mich aufgepasst, vor allem nachts. Ein Hund gibt dir auch einfach Trost, den du auf der Straße und überhaupt im Leben einfach mal brauchst. Die fifty verkauf ich immer noch auf der Straße. Mit den Passanten hab ich gar keine Probleme, ganz im Gegenteil. Für den Hund krieg ich immer was, der Daisy kauft man fast lieber was als mir, aber so ist sie wenigstens immer versorgt, und dafür bin ich auch dankbar. Wichtig ist vor allem auch, dass immer ein Tierarzt einmal im Monat zu „axept“ kommt, der die Hunde untersucht und impft. Mit dem Ordnungsamt hab ich dagegen eine Menge Probleme. Jetzt hab ich ein Schreiben bekommen, dass ich den Hund weggeben soll, weil der angeblich aggressiv sei. Aber meine Daisy ist total ruhig, da kann man jeden Ladenbesitzer an meinem Stammplatz fragen. Was damit wird, weiß ich noch nicht, aber meine Daisy nehmen die mir nicht weg. Wer kümmert sich den sonst um Daisy?

Dirk

 

Mein Kater Tony ist treuer als Menschen

(ho). Ich bin mit Ada (66) sieben Jahre zusammen, war ein paar Mal obdachlos. Ada hat mich aus Mitleid bei sich aufgenommen. Nun sind wir ein Paar. Wir haben uns bei einem gemeinsamen Bekannten, der ist längst tot, kennen gelernt. Ada ist tolerant, es stört sie nicht, dass ich schon mal trinke. Sie selbst trinkt nicht, höchstens abends mal ein Bier. Mein getigerter Kater heißt Tony, er ist vierzehn Jahre alt. Ada versorgt den Tony immer, ich versorge die Fische, wir haben Barsche. Tony ist mein Freund, der schmust mit mir. Für Ada ist er wie ein Baby, sie hat ja selber keine kriegen können. Tony ist treu und geht nicht streunen, er hängt an uns. Ein Tier ist besser als ein Mensch. Wenn Tony reden könnte, hätte er bestimmt eine Menge zu erzählen. Tiere können einen nicht enttäuschen. Sie mögen dich so wie du bist. Je mehr du dich um ihn kümmerst, umso anhänglicher wird er. Tony ist fit wie ein Turnschuh, springt auf die Schränke. Eines Tages habe ich festgestellt, dass Tony gerne Kakao trinkt. Ich hatte meinen Pott auf dem Tisch stehen, mich kurz abgewandt, da hatte er schon seinen Kopf drin. Aber wir geben ihm nicht jeden Tag Kakao, davon kriegt er die Scheißerei. Tony schläft immer bei Ada im Bett, auf meine Hälfte kommt er selten, wenn, dann schon mal ans Kopfende. Wenn er schmust, brummt er immer so laut. Morgens um fünf fängt er an zu nerven, dann will er Futter. Er motzt und maunzt so lange, bis er sein Futter hat. Dann gibt Ada ihm etwas und legt sich wieder hin. Tony ist nicht gern allein. Wenn er allein ist, macht er nur Unsinn, zum Beispiel pisst er dann in meine Schuhe oder zerwühlt die Schublade. Tony ist wie ein Hund, wenn wir die Treppe hochkommen, steht er vor der Tür. Wenn wir dann reinkommen, streift er um uns rum und schmust. Seinen Kratzbaum hat Tony schon total zerfleddert. Seine Spielmaus quält er immer. Ada wird jetzt umziehen, der Vermieter hat ihr gekündigt. Ihr Vormund sucht eine neue Wohnung für sie. Dann wird sie Tony wohl mitnehmen. Ich fürchte, ich lande dann wieder auf der Straße, weil der Vormund die Wohnung nicht für uns beide anmieten will. Ich werde Ada und Tony zwar besuchen, aber dennoch vermissen. Was ich mit dem Aquarium mache, weiß ich nicht. Ada kann mit der Technik nicht umgehen. Sie weiß nicht, wie man den Filter saubermacht.

Willi, 50 Jahre

 

Einen besseren Freund kann man sich nicht wünschen

Ich und mein Hund „Zwei“ sind einfach die besten Freunde, der mag mich so, wie ich bin, hält zu mir und ist immer treu. Einen besseren Freund kann man sich nicht wünschen. „Zwei“, so hab ich ihn genannt, weil er mein zweiter Hund ist und der zweite aus dem Wurf. Auf der Straße bin ich gelandet, nachdem sich meine Frau hat scheiden lassen. Dann wurde ich arbeitsunfähig, und dann kamen irgendwann die Drogen, es war halt alles irgendwie nicht mehr auszuhalten. Mit meiner Familie hab ich keinen Kontakt mehr, und Zwei ist der Einzige, den ich habe. Der passt auf mich auf, und kommt zu mir, wenn es mir schlecht geht. Jetzt wohnen wir zwar in einer kleinen Bude, aber die Drogen sind geblieben, und das Leben ist auch wie vorher. Noch einen Hund würde ich mir nicht noch mal zulegen, da ich sehr krank bin. Ich bin froh, wenn ich „Zwei“ noch durchkriege. „Zwei“ hat auch einfach einen guten Charakter. Nur einmal, als ein Besoffener nachts auf mich los wollte, als wir auf der Straße gepennt haben, ist er durchgegangen, wollte mich beschützen. Der hat den Kerl gebissen und der ist dann abgehauen, wusste wohl auch, dass es seine Schuld war. Aber sonst tut „Zwei“ niemanden was. Der kläfft zwar manchmal, aber sonst nichts. Mit dem Ordnungsamt hab ich ein paar Probleme und auch mit manchen Passanten, wobei die meisten immer freundlich sind, wenn ich denen die fifty anbiete. Ich musste schon zweimal zum Veterinäramt, den „Zwei“ vorführen, weil die vom Ordnungsamt gesagt haben, der sei verwahrlost. Aber beim Amt haben die dann immer festgestellt, dass es dem Hund gut geht. Von mir getrennt zu sein, würde „Zwei“ nicht gut tun. Einmal ist der aus Versehen in eine Bahn rein gelaufen, und die ist dann losgefahren, als ich noch draußen stand. „Zwei“ ist dann von alleine an „Heinrich-Heine“ ausgestiegen und in das Büro der Angestellten der Security rein gelaufen. Da hat er dann auf mich gewartet, und ich hab ihn dann da wieder gefunden. Manchmal ist „Zwei“ wie ein Mensch, der kann richtig weinen. Dann laufen ihm die Tränen das Gesicht runter. Das ist meistens, wenn er nichts von meinem Essen abkriegt, aber der hat selbst genug in seinem Napf.

Stephan, 42 Jahre

 

Ohne Lucy wäre ich schon längst tot

Mein Name ist Stain, mit einem Kreis um das „A“, weil ich Anarchist bin. Ich lebe seit 15 Jahren auf der Straße, bin seit dem auch „drauf“ (drauf = Szenewort für drogenabhängig). Ich war immer mal wieder mehr oder weniger clean und hatte auch ab und zu eine Wohnung. Jetzt sitz ich aber wieder auf der Straße. Einen Hund zu haben ist für mich einfach wichtig, er gibt dir etwas, das du brauchst. Ich hatte schon vier Hunde: Kalki, Icklak, Hera und jetzt meine Lucy. Die ist einfach mein Mädchen. Lucy ist zwei Jahre alt und lebt seit einem Jahr bei mir. Sie ist noch sehr jung und frech, aber auch total lieb. Irgend so einer wollte sie am Hauptbahnhof anbinden, weil er mit einem Hund nicht in die Nachtunterkunft durfte. Tja, da hab ich sie halt zu mir genommen und hatte auf einmal wieder einen Hund. Ne Beziehung zu einer Frau hab ich schon lange nicht mehr. Es gab nur eine in meinem Leben und die ist jetzt weg. Zum Glück hab ich aber meine Lucy. Die ist wie mein Kind, hab ja auch keine eigenen. Lucy ist für mich da und ich bin für Lucy da. Mein Motto ist: Erst der Hund und dann ich. Warum sollte der Hund unter meiner Situation leiden. Ich habe eine Menge Leute, die mir  immer Futter für den Hund schenken und auch sonst habe ich gute Erfahrungen gemacht, auch mit dem Ordnungsamt. Das geht vielen anders. Natürlich gibt es auch Leute, die sagen, ich würde den Hund nur haben, um besser schnorren zu können, aber das stimmt nicht. Oft kommt auch so ein Mist wie, dass es dem Hund bei uns schlecht gehen würde, dass wir sie quälen und deshalb abgeben sollten. Aber wer kümmert sich den sonst um Lucy? Auch wenn ich nicht viel auf die Reihe kriege, das schon. Der Hund ist doch nicht unterernährt oder so? Es geht ihr gut bei mir. Ich würde meine Lucy um nichts in der Welt hergeben, auch wenn ich Geld für Stoff bräuchte, sie ist doch nicht irgendein Ding. Das Schönste ist, wenn Lucy nachts bei mir im Schlafsack liegt und mit mir kuschelt. Manchmal mach ich auch extra Platz für sie und schlaf draußen. Lucy bedeutet mir einfach viel. Ein Kumpel von mir hat mal gesagt, dass ich schon längst tot wäre, wenn ich Lucy nicht hätte.

Stain, 35 Jahre

 








 

 

 

Carlo liebt seine Hündin Bagira über alles





































Hündin Daisy ist die beste Freundin des Obdachlosen Dirk


























Willi und Ada spielen gerne mit ihrem Kater